Farbdesign und Fassadengestaltung

Im Zentrum der Arbeit von Hans-Albrecht Schilling stehen Wirkung und Bedeutung von Farbe in der gebauten Umwelt. Farbe im architektonischen Zusammenhang ist von Alters her generell Produkt und Ausdruck kultureller Identität. Sie ist immanenter Bestandteil der Architektur. Ihr Gebrauch ist jeweils auch abhängig von ortspezifischen Materialien und klimatischen Verhältnissen.

In Deutschland standen nach dem 2. Weltkrieg als wesentliche Bauaufgaben der Erhalt, der Wiederaufbau und die Rekonstruktion zerstörter Bausubstanz an; zusätzlich mussten zügig Millionen von Neubauten erstellt werden, insbesondere großräumige Siedlungen, die das städtische Gefüge in seinen Strukturen massgeblich veränderten. Bereits seit den 50er Jahren hat Schilling an der Lösung der Gestaltungsaufgaben einschließlich der im Laufe der Jahre zunehmend notwendig werdenden Renovierungs- und Sanierungsmaßnahmen mitgewirkt, und dies in allen genannten Bereichen bis hin zu den riesigen Plattenbausiedlungen der ehemaligen DDR. Dabei war und ist bei der Neugestaltung stets der bauzeitliche Kontext zu berücksichtigen.

Schilling knüpft seine ästhetischen Vorstellungen und Maßnahmen als Farbdesigner letztlich an die Maximen von ‘Bauhaus‘ und ‘Neues Bauen‘ und erweitert diese den zeitgemäßen Anforderungen und Möglichkeiten entsprechend um entscheidende neue Setzungen. Mit diesem Bezugsfeld ist eine Haltung und Ausrichtung umrissen, bei der es um Klarheit, schnörkellose Schönheit und ein ganzheitliches Denken geht, das letztlich alle Bereiche der Lebensgestaltung umfasst. Der Farbe fällt in diesem Zusammenhang eine auf Gemüt und Geist unmittelbar einwirkende Strahlkraft zu.

Hans-Albrecht Schilling begann unmittelbar nach Ende des 2. Weltkrieges als bildender Künstler. Bereits um 1950 bewiesen Erfolge mit Gemälden und Reliefs bei Wettbewerben des Bremer Senats im Rahmen der Projekte ‚Kunst am Bau‘ sein Gespür für farbästhetische und formale Gestaltungen. Eine große Zäsur ergab sich, als ihn der Architekt Ernst May zum Farbberater für die neuen Bremer Wohngebiete „Gartenstadt Vahr“ und „Neue Vahr“ berief. Eine solche Funktion war ein absolutes Novum, so dass Schilling als einer der ersten das Farbdesign als eigenständige Disziplin in der Architektur verkörperte. Diese Aufgabe ebnete dem Künstler den Einstieg in ein ganz neues Berufsfeld, das ihn bis heute umtreibt: Farbberatung und Farbdesign als Optimierung der Architektur, als Arbeit an ästhetischer und ethischer Gesundung des Urbanen.

Um den Anforderungen an die Architektursprache der in der Nachkriegszeit entstandenen Putzbauten gerecht zu werden, entwickelte Schilling Farbtöne, die im Laufe seiner Aufgaben zu einer Kollektion von mehr als 700 Farben angewachsen ist (s. Farbwand in der Cafeteria). Sie entstammen keiner strengen Systematik sondern sind, bezogen auf die jeweilige Aufgabenstellung, einem intuitiven Farbgefühl entsprungen.

Die Farben eines Gebäudes sind niemals dekorativer Selbstzweck; sparsam und dezidiert eingesetzt sollen sie zunächst einmal den Bezug der einzelnen Fassadenteile untereinander klären, die architektonischen und plastischen Besonderheiten eines jeden Baukörpers hervorheben oder/und nicht selten dessen bautechnische oder gestalterische Mängel kaschieren. Statt beliebiger Buntheit mit selbstgefälligen, architekturwidrigen Fassadenmalereien setzt er kontrastierend zu farbig gefassten Gebäuden mit gesättigten Farbtönen solche mit hellem Grundanstrich und kräftigen, farbigen Akzenten; dies schafft Identität fördernd ein Gebäudeensemble.

Schillings Interesse richtete sich bald vor allem auf die ästhetischen und sozialen Herausforderungen der neu entstandenen Großsiedlungen. Hier galt es neben der Farbfassung der einzelnen Gebäude wesentlich die räumlichen und städtebaulichen Zusammenhänge zu visualisieren. Was für den einzelnen Baukörper zutrifft, gewinnt im Kontext der Nachbarschaften besonderen Stellenwert: Farbe unterstützt im Rahmen der gesamten Baumaßnahmen konstruktiv den städtebaulichen Zusammenklang einzelner Wohneinheiten sowie den sozialpolitischen Zusammenhalt seiner BewohnerInnen. Besonderes Augenmerk lenkt Schilling auf die Gestaltung des Hauseingangs als Visitenkarte eines Gebäudes. Sichtbeziehungen oder Wegmarkierungen erleichtern das Zurechtfinden und damit auch ein Wohlbefinden der Menschen. Die Übernahme des Quartier-Gedankens aus der Architektur in die Farbgestaltung war frühzeitig die Konsequenz direkter Zusammenarbeit mit Bauträgern und Architekten: Farbe unterstützt, ja, definiert Quartiere als Gestaltungseinheit.

Aus jahrzehntelanger Erfahrung im Planungsprozess neuer Wohnanlagen und Vitalisierung sanierungsbedürftiger Wohnungen ganzer Quartiere erwuchsen für Schilling im Laufe der Zeit vielfältige Aufgaben ganzheitlicher Gestaltungsansätze; sie schließen über Fassaden hinaus Eingänge, Foyers, Flure, Funktionsräume sowie das gesamte Wohnumfeld mit ein. Seit nunmehr 60 Jahren hat Hans-Albrecht Schilling durch seine Stilsicherheit, seinen behutsamen, in städtebaulichen Zusammenhängen denkenden Einsatz von Farbe ganzen Stadtteilen ein modeunabhängiges, ästhetisch überzeugendes und bewohner freundliches Gepräge verliehen. Seine klaren, restriktiven Setzungen sind unverwechselbar und klassisch zeitlos.

Renate Puvogel

Hans-Albrecht Schilling

* 1929 in Bremen, Schulbesuch des Alten Gymnasiums, Studium der Malerei an der Staatlichen Kunstschule in Bremen. Arbeit als abstrakter Maler. Begegnung mit Ernst Wilhelm Nay und Werner Haftmann.
Ab den 50iger Jahren Aufträge für Kunst im öffentlichen Raum (Wandgestaltungen, Reliefs, Mosaiken).
1951/52 Studienreisen nach Italien, Paris und Amsterdam.
Ab 1954 Atelier für Farbgestaltung in Bremen. Erster größerer Auftrag für Farbgestaltung: Innen- und Außengestaltung des Berufsbildungszentrums Bremen.
Ab 1955 Zusammenarbeit mit Ernst May, Stadtplaner und Architekt.
1955/57 Auftrag für die Farbgestaltung der Großsiedlungen Gartenstadt Vahr und der Neuen Vahr in Bremen. Übernahme der städtebaulichen Idee der „Nachbarschaft“ in die Farbgestaltung (heute: „Quartier“).
Ab 1960 Planungen für Großsiedlungen in Bremen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Bayern. Farbgestaltung kommunaler Bauten (Krankenhäuser, Schulen, Universitäten) und Industriebauten.
1970 – 75 als Berater für Fassadengestaltung der Stadt Wolfsburg.
1980 – 2006 Atelier für Farbgestaltung in Veere Niederlande). Schwerpunkt: Entwicklung von Farbtönen für die Architekturgestaltung (Zusammenarbeit mit Sikkens) und Erarbeitung der Projekte in Nordrhein-Westfalen.
Ab 1986 Mitarbeit als Gestalter an den Beiratsverfahren des Märkischen Viertels in Westberlin.
Seit 1992 als weiterer Schwerpunkt: Gestaltungskonzepte für Plattenbauten in Berlin-Ost (Hellersdorf, Marzahn, Friedrichshain), Rostock und Chemnitz und zahlreiche Objekte des Denkmalschutzes in Magdeburg und Berlin (Bruno Taut).
Sanierungsobjekte in Lünen, Köln (Photovoltaik), Hamm , Düsseldorf, Hannover, Braunschweig, Hamburg, Ratingen Fassadengestaltungskonzept für Hamburg-Mümmelmannsberg.
Seit 2007 Umgestaltung einer Kaserne in Bad Aibling in ein Hotel und Seminarzentrum, Innen- und Außengestaltung und Freiraumplanung.

Lebt in Bremen.

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